Niemer Gerhard

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Diakon Gerhard Niemer

   Gerhard Niemer - Gerhard Niemer 

Erinnerungen an den Diakon des Rauhen Hauses,

Gerhard Niemer

- geboren am 5. Mai 1916 in Cottbus, verstorben am 9.02.1991 -

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Gerhard Niemer † *) wurde am 5. Mai 1916 in Cottbus als Sohn eines Prüfamtsmeisters geboren und lernte schon als Kind unterschiedliche soziale Verhältnisse und politische Standpunkte von hart links bis stramm rechts kennen. Sein Vater war ein überzeugter Sozialdemokrat, hielt zur Kirche, hatte sich aber in manchem eine eigene vom Verstand akzeptierbare Religion gebildet. Seine Mutter war fromm und kirchentreu und hielt sich in politischen Dingen zurück. Er wuchs in einem traditionell „roten“ Arbeiterbezirk mit hohem KPD-Stimmenanteil auf, spürte schon als Kind die soziale Kluft und lernte den Klassenhass kennen, spielte mit Arbeiter-, Kaufmanns-, Fabrikanten-, Russen- und Judenkindern, erlebte aber, dass dies manchen Eltern absolut nicht recht war. Gerhard Niemers Familie war keineswegs wohlhabend. In den Jahren nach dem 1. Weltkrieg wurde auch sie recht hart von den Auswirkungen der Inflation, der Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit betroffen. Die „Goldenen 20er Jahre“ gab es nach Bruder Niemers Meinung nur für reiche Kabarettbesucher. Für die große Masse brachten die Jahre bis 1933 überwiegend Armut und Unsicherheit. Dennoch war die Weimarer Republik in Gerhard Niemers Augen demokratischer als die Bundesrepublik Deutschland. Freiheit der Meinung bis zur Ablehnung und Bekämpfung des Staates war damals leichter möglich als heute, was denn auch zu harten Kämpfen und Straßenschlachten zwischen den extremen Parteien führte. In diesen Auseinandersetzungen spielte die Partei seines Vaters, die SPD, nach seinem Eindruck sowohl gegenüber den Nationalsozialisten wie Kommunisten eine schwache Rolle. Sie zeigte wenig Mut und Entschlossenheit zum Entgegentreten. Schon als Kind lernte Bruder Niemer erste Ansätze des Nationalsozialismus kennen. Zum Beispiel hingen in der Wohnung seines Schulkameraden Gardinen, in die Hakenkreuze eingewebt waren. Der Vater dieses Schulfreundes war Diakon und vorbildlicher Herbergsvater. Es waren „ausgesprochen nette und hilfsbereite Leute“. Ebenso hatte Bruder Niemer Zugang zu kommunistischen Familien. Seine Jugend verbrachte er in Schlesien. 1932 begann Gerhard Niemer seine kaufmännische Lehre in einer Getreidegroßhandlung, die einer jüdischen Familie gehörte. Der Direktor der Aktiengesellschaft und zwei seiner Mitarbeiter waren Juden. Gerhard Niemer wählte diese Lehrstelle zum Verdruss seines Onkels, der ein Konkurrenzunternehmen besaß, weil er glaubte, in der jüdischen Firma mehr lernen zu können. Über einen Onkel, der Verbandsvorsteher des schlesischen Verbandes der Brüderschaft des Rauhen Hauses war, kam Gerhard zu dem Entschluss, Diakon des Rauhen Hauses werden zu wollen. Er bewarb sich im Rauhen Haus und musste bei Bruder Kohl in Görlitz eine Aufnahmeprüfung ablegen. Nachdem dieser ihm ausreichendes biblisches Wissen bescheinigt hatte, wurde er 1935 zur Diakonenausbildung im Rauhe Haus zugelassen. Damals befanden sich nur sehr wenige Brüder in der Ausbildung. Es galt zu der Zeit wegen der politischen und wirtschaftlichen Situation als „völliger Wahnsinn“, eine Diakonenausbildung zu beginnen. Er leistete seine beiden Praktika 1935 und 1936 in Bad Freienwalde und Breslau ab und schildert die Armut, unter der die Heimleiter litten: „Die Ämter zahlten für die Heimunterbringung eines Jungen monatlich 24 RM, für einen alten Menschen 42 RM als Pflegegeld. In den Altbauten der Heime in Breslau waren die Räume üblicherweise verwanzt (Grenzkrankheit genannt).“ Ein Brief an den Vorsteher des Rauhen Hauses, in dem Bruder Niemer die bedrückenden Verhältnisse schilderte, wurde nicht beantwortet. Gerhard Niemer musste 1936/37 zum Reichsarbeitsdienst. Die dort herrschende Atmosphäre erlebte er als angenehm, da er auf freundliche und idealistisch eingestellte Vorgesetzte und nette Kameraden traf. Ab Ostern 1937 nahm Bruder Niemer am Unterricht der Diakonen- und Wohlfahrtspflegerschule teil. Die Sympathie der Brüder zu den Deutschen Christen bzw. zur Bekennenden Kirche war damals geteilt. Die jüngeren Brüder, auch Bruder Niemer, hielten zur Bekennenden Kirche. Das hinderte ihn nicht, besonders gern die Predigten von Bischof Tügel zu hören, den er als „begeisternden Prediger“ schildert, dessen politische Einstellung sich nicht auf seine Gottesdienste auswirkte. Der Leiter der Wichern-Schule, Ackermann wurde von Bruder Niemer 1939 in einer Familienleiterbesprechung darüber zur Rede gestellt, warum Jesus Christus in den Andachten nicht mehr vorkäme. Ackermann antwortete ihm: „Dann bringen Sie Ihre Familie bis zur Beetsaaltür und warten draußen, bis die Andacht zu Ende ist.“ Der NS-Staat hatte verboten, in den Gottesdiensten namentlich für inhaftierte Pastoren zu beten. In der Wichern-Kapelle verlas der Pastor provokativ diese Namen weiter. In der gespannten Situation hatte Pastor Kreye als Dozent für das Fach Altes Testament einen schweren Stand. Aber auch Pastor Schröder, Dozent für Neues Testament, gehörte vermutlich der Bekennenden Kirche an, jedenfalls nicht den Deutschen Christen. Unter den Dozenten vertrat Herr Sandré als Gauobmann der Deutschen Christen eine konsequent nationalsozialistische Linie und erteilte den Unterricht in Uniform. Das schwierigste Fach „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“ hatte Pastor Donndorf übernommen, der mit diplomatischem Geschick in einem Unterrichtsjahr den Satz erarbeitete: „Die NSV aktiviert in einzigartiger Weise die Hilfsbereitschaft des deutschen Volkes“ (wobei besonders über „einzigartig“ diskutiert wurde. Schulleiter Ackermann unterrichtete Psychologie. Sein häufigst gebrauchtes Wort war „Haltung!“. Er betonte immer wieder, dass eine gerade Körperhaltung sowie Ordnung und Anstand die innere Haltung eines Menschen aufbessern. Vielleicht auch deshalb marschierten die Jungen zur Andacht und zum Essen in Zweier- oder Dreierreihen. Die Brüder amüsierten sich darüber, dass Bruder Füßinger keinen Gleichschritt hielt. Er brachte den Diakonenschülern eine „präzise Ausdrucksweise“ bei und gewöhnte ihnen „leere Phrasen“ ab. Bruder Füßinger hat Bruder Niemer vor dem Gau der Deutschen Arbeitsfront einmal davor bewahrt, wegen „Verächtlichmachung des Reichsberufswettkampfes“ belangt zu werden. In diesem Erziehungssystem war der Erziehungsleiter Sieper ein Außenseiter. Er ging zwanglos mit Erziehern und Jungen um. Wenn er die Parteibeiträge kassierte, pflegte er die Marke mit der Bemerkung auszuhändigen: „Gott möge geben, dass die Nationalsozialisten bald am Ende sind.“

Bald nach Kriegsbeginn wurde Bruder Niemer zum Militärdienst eingezogen. Wie viele andere Brüder musste er seine Ausbildung unterbrechen. Pastor Donndorf erreichte, dass er 1940 anlässlich eines Heimaturlaubs sein Wohlfahrtspflegerexamen ablegen durfte. 1941/42 versuchte Pastor Donndorf, den Diakon als lebenswichtigen Beruf anerkennen zu lassen. Es gelang ihm, dass die Brüder der D I, darunter Bruder Niemer, Heimaturlaub bekamen. Bruder Niemer wurde aber schon einen Tag später an die russische Front zurückbeordert, weil der Diakonenberuf nicht als lebenswichtig angesehen wurde. So konnte er seine Ausbildung erst nach dem Krieg und seiner Gefangenschaft in Russland, in die er 1944 geriet, im Jahre 1948 fortsetzen und das Diakonenexamen 1949 ablegen.

Im Haus Tanne befand sich Gerhard Niemers Büro hinter den Fenstern direkt hinter der Glocke

Danach war Bruder Niemer als Inspektor für die Finanz- und Büroverwaltung des Rauhen Hauses und für die Leitung des Altenheimes im Hause „Goldener Boden“ verantwortlich und trug wesentlich zum Wiederaufbau der Anstalt bei.

In dieserm Haus "Goldener Boden" befand sich das von Gerhard Niemer geleitete Altenheim

Er war auch für die Krankenstube im Rauhen Haus und den Verlag Agentur des Rauhen Hauses, der damals noch am Jungfernstieg beim Gänsemarkt unter einem Dach mit der evangelischen Buchhandlung Tuchel (vor der NS-Zeit dem Rauhen Hause gehörend) residierte, zuständig.

Seine korrekte, offene, menschliche und ehrlichen Art schätzten viele Ausbildungsbrüder in den 1950er Jahren sehr, zumal er sich in den ersten Nachkriegsjahren persönlich um die jungen Brüder im Rauhen Haus gekümmert hat, auch aufmunternde Briefe an sie in ihre Gehilfenstellung schrieb. Hier einige Tagebuchnotizen des Herausgebers **) dieses Bandes aus seiner Ausbildungszeit um 1954, die Gerhard Niemer charakterisieren:

„Im Rauhen Haus fand ein Sportfest für die Jungen statt. Es besteht kein Zweifel daran, dass es gelungen war. Überhaupt, die Feste im Rauhen Haus sind immer recht nett. Sie werden aber auch sehr gründlich vorbereitet. Bruder Niemer, der bei solchen Anlässen immer die Fäden in seinen Händen hat, bringt dabei sehr gute Leistungen.

Bruder Niemers Einstellung über das Rauhe Haus und seine Arbeit: Er vertritt eine ähnliche Meinung wie wir jüngeren Brüder, dass nämlich die Erziehungsmethoden des Rauhen Hauses rückständig seien. Auch ist er der Ansicht, die hier praktizierte „christliche Verkündigung“ habe bei den Jungen nur negativen Erfolg. Er fragt sich, wozu ein solches Rauhes Haus und eine solche Innere Mission denn überhaupt noch da sein müsse. Er sprach auch über andere Probleme der Kirche. Wozu, so fragt er, ist dieser mächtige Verwaltungsapparat nötig? Wozu muss eine so große „Verwaltungsanstalt“ in unserer Anstalt bestehen. Zwei, höchsten drei Mann würden für das Rauhe Haus vollauf genügen. Ein Verwaltungsapparat in einer gewissen Größe schaffe sich selbst genügend Arbeit. Letzteres kann ich nicht beurteilen, aber im übrigen kann ich Bruder Niemer nur beipflichten, ja vertritt er meine Meinung. Meine Achtung vor diesem Mann steigt bei mir von Tag zu Tag.

Dann hatte ich während der Telefonwache ein fabelhaftes Gespräch mit Bruder Niemer. Man hat in der „Leitung“ von der Krisenstimmung auf unserer Stube „Lunte gerochen“. So fragte mich Bruder Niemer denn danach, und es entwickelte sich ein längeres Gespräch daraus. Wir sprachen über all die Fragen, über die bei uns auf der Bude in letzter Zeit diskutiert worden war und die mich auch selber stark beschäftigen. Bruder Niemer brachte besonders zum Ausdruck, dass bisher in keinem Jahr im Rauhen Haus unter so schlechten Umständen gearbeitet worden wäre, wie in diesem. So käme es denn, dass die Brüder zur Zeit besonders stark beansprucht würden. Ich habe aus diesem Gespräch sehr viel profitiert. Es war eine seit langem notwendige Aufmunterung.

„Sie werden fünf Jahre durch eine Wüste geschickt“, sagte Bruder Niemer zu Bruder Strathmeier bei dessen Eintritt. Fünf Jahre lang muss man seelisch und geistlich Selbstversorger sein, mindestens fünf. Wenn man für diese sechsjährige Wüstenwanderung nicht genügend Wasservorrat mitbringt, verdurstet man.

Mittwochs haben wir die sogenannte „lange“ Andacht, das heißt, eine mit Auslegung des Bibeltextes. Meistens hält Bruder Niemer diese, und ich höre seine aufmunternden Worte immer gerne.

Bruder Niemer sagte während einer Tischandacht zum Bibeltext ein paar passende Worte, die doch saßen. Er sagte, dass viele gute Brüder im Laufe der Zeit wieder gingen. Große Versuchungen wären auch die Wohlfahrtspflegerschule und die theologischen Fächer: Dogmatik sowie Neues Testament und Altes Testament mit ihren textkritischen Auseinandersetzungen. „Dennoch bleibe ich stets an Dir; denn Du hältst mich bei meiner rechten Hand.“ Herr hilf mir dazu!“

Gerhard Niemer heirate die 1926 geborene Gisela Kaiser, die in den 1950er Jahren Leiterin des Hauses Schönburg im Rauhen Haus war, die Schwester des früheren Bruders und Diakons und späteren Pastors Jürgen Kaiser. Sie hatten zusammen zwei Kinder. Ihren Ruhestand verbrachten Niemers in Holm-Seppensen in der Heide. Bruder Niemer verstarb im Februar 1991.

*) Daten und Formulierungen zum großen Teil aus der Studie „Brüderschaft und 3. Reich“ eines Forschungssemimars der Evangelischen Fachhochschule für Sozialpädagogik der Diakonenanstalt des Rauhen Hauses – 1981/88

**) Jürgen Ruszkowski: Autobiographie „Rückblicke“ – Band 10 dieser Zeitzeugen-Reihe 


© Jürgen Ruszkowski

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